Gypsyjazz History
Um zu verstehen wie diese Musik des "Gypsyjazz" zustande kommt (bzw. kam), muss man ein wenig in der Geschichte der Sinti und Roma nachschauen.
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Lt. den ältesten zurückliegenden Schriften stammen die Sinti von den Indern ab. Dort lebten und arbeiteten sie bis etwa im 5. Jahrhundert bereits damals schon als berühmte Musiker. Oft spielten sie an den Höfen der damaligen Maharadschas, bis sie lt. den Überlieferungen eines Tages bei Hofe in Ungnade fielen und aus dem Land vertrieben wurden. (Einige Sintis bestreiten zwar diese Version, andere gesicherte Erkenntnisse sind aber auch nicht vorhanden).

"Sinti und Roma leben bereits seit vielen Jahrhunderten in Europa. In den einzelnen Ländern bilden sie alteingesessene und historisch gewachsene Minderheiten.
In Deutschland bezeichnet man sie meist als "Sinti", in Ost- und Südosteuropa - wo die Zahl weitaus größer ist - als "Roma". In Frankreich spricht man von "Manouche", in Spanien von "Gitanos".

"Sinti und Roma" ist also eine Sammelbezeichnung, die eine Vielzahl von Gruppen umfasst. Hingegen ist der Begriff "Zigeuner" eine Fremdbezeichnung, die von vielen Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird.

"Das Wort Zigeuner ist eine Fremdbezeichnung, die in ähnlicher Form in vielen europäischen Sprachen vorkommt. Die genaue Herkunft des gemeineuropäischen Ethnonyms ist unsicher und mythisch.
Im Deutschen wurde Zigeuner volksetymologisch und fälschlich zu „Zieh-Gäuner“, also „(umher-)ziehende Gauner“ umgedeutet. Auch deswegen wird die Bezeichnung heute vielfach als negativ belastet abgelehnt." (Quelle: Wikipedia)

Anhand von sprachwissenschaftlichen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass die ursprüngliche Herkunft der Sinti und Roma in Indien liegt, denn ihre Sprache, das Romanes, ist verwandt mit der altindischen Hochsprache Sanskrit.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich in den jeweiligen Heimatländern der Sinti und Roma eigene Romanes - Sprachen, so auch im Fall der deutschen Sinti. Das Romanes wird innerhalb der Familien neben der jeweiligen Landessprache als zweite Muttersprache verwendet." (Wikipedia: Geschichte der Sinti und Roma).

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So mussten sie also mit ihren Familien das Land (Indien) verlassen und zogen dann zunächst zu Fuss, später mit einfachen Pferdewagen über Usbekistan, den heutigen Iran (damals Persien), den Irak, weiter durch Kurdistan, die Türkei bis in den unteren Balkan und bis ins heutige Russland.
Da sie ja auch irgendwie ihre Familien ernähren mussten, spielten sie oft in den jeweiligen Ländern die Musik die eben dort grade verlangt wurde. Meist auf Festen, zu Feiern oder anderen Anlässen, dort wo sie eingeladen wurden - ihre sprichwörtliche Musikalität war schon damals sehr angesehen. musiker

Es gibt einige Berichte wonach Sintimusiker am Hofe von Königen, Fürsten und Baronen immer gern gesehen waren. Sogar einige regionale Protektorate für Sinti sollen dadurch entstanden sein (z.B. in St. Maries de la Mer, wo der damalige Baron in der Region einzelnen Familien ein lebenslanges "Bleiberecht" einräumen liess).

Bereits in dieser frühen Zeit etablierte sich auch die „Musikalische Ausbildung“ der Nachkommen. So wurden Lieder und bestimmte musikalische Fähigkeiten, Tricks und Spielweisen vom Vater auf den Sohn,  vom Onkel auf den Neffen und so wiederum untereinander, nur rein mündlich weiter gegeben.
Viele Sinti konnten damals weder lesen noch schreiben, so dass das Lernen von Musik durch Noten, wie heute üblich, nicht zur Wahl stand.

Die Fähigkeit aber bestimmte Dinge spielen zu können war ihr Kapital mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnten (und mussten). Es war daher also nicht nur lebensnotwendig ein Instrument gut beherrschen zu können (und deshalb vor allem besser als andere Musiker sein zu müssen), sondern auch möglichst genauso viele Lieder der jeweiligen Länder die sie bereisten zu kennen und auch spielen zu können.

Samois_0609_-_184Musik war und ist bis heute immer ein zentrales Thema in der Kultur der Sintis. Sie wird zu allen Gelegenheiten gespielt, wann immer man sich trifft und zusammen feiert ist Musik im Mittelpunkt.

Im frühen 13. Jahrhundert besagen die Überlieferungen waren die Sinti bis ins andalusische Südspanien vorgedrungen, rosenberg_1962deren musikalische Einflüsse sie ebenso mit adaptierten und in ihre Musik mit übernahmen wie schon zuvor bereits italienische Liebeslieder, den ungarischen Csardas und später die französichen Musette-Tänze - alles die Musikstile der Länder die sie zuvor bereisten.

Alle diese Einflüsse lebten und leben bis heute in der Musik der Sinti und Roma fort.

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Einer der dunkelsten Abschnitte in der deutschen Geschichte und damit auch in der Geschichte der Sinti und Roma war und ist aber die Zeit des Nationalsozialismus.

"Zwar wurden Sinti und Roma über Jahrhunderte diskriminiert und verfolgt, doch parallel zur Politik der Ausgrenzung hat es gerade auf regionaler Ebene vielfältige Formen eines normalen und friedlichen Zusammenlebens von Minderheit und Mehrheitsbevölkerung gegeben.

Vor 1933 waren die deutschen Sinti und Roma als Nachbarn oder Arbeitskollegen vielfach in das gesellschaftliche Leben und in die lokalen Zusammenhänge integriert. Viele hatten im Ersten Weltkrieg oder schon zuvor in der kaiserlichen Armee gedient und waren hoch dekoriert worden. Dies gilt auch für Sinti und Roma in anderen europäischen Ländern. KZ_Roma

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde diese Normalität des Zusammenlebens systematisch zerstört. Auf Grundlage der Rassenideologie wurden Sinti und Roma schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich in Vernichtungslager deportiert." (Quelle: Stadtmuseum Erfurt)

"Auch die Verfolgung der Sinti und Roma begann Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Unter den Nationalsozialisten erreichte sie aber ihren schrecklichen Höhepunkt. In der nationalsozialistischen Rassenlehre nahmen die Roma eine Sonderstellung ein. Sie wurden zwar teilweise als „Arier“ angesehen, aber ihre Lebensweise passte trotzdem nicht ins Konzept der Nationalsozialisten und so wurden sie meist unter der Kategorie „Asoziale“ in Konzentrationslager eingeliefert."
(Quelle: http://www.annefrankguide.net/de-AT/bronnenbank.asp?oid=3662)

Leider haben Ressentiments generell gegenüber fahrendem Volk wie Sinti und Roma (aber auch anderen fahrenden Volksgruppen wie Jenischen oder Schaustellern) eine lange Tradition. Und diese, auch "Antiziganismus" genannte Grundhaltung ist leider auch heute noch bei sehr vielen Deutschen und anderen europäischen Nachbarn sehr weit verbreitet.

"Antiziganismus ist eine Denkweise, die diese Menschen als „fremd", „müßiggängerisch", „musikalisch“ und „frei", „primitiv“, „archaisch“, „kulturlos“ oder „kriminell“, „nomadisch’“ und „modernisierungsresistent“ kennzeichnet, um nur einige Merkmale zu nennen.
Antiziganismus richtet sich gegen eine ethnische Minderheit, der ein solches Verhalten als unveränderliche Wesensart unterstellt wird und ist eine bis heute in der heutigen Gesellschaft durchaus akzeptierte Grundhaltung vieler Menschen gegenüber Sinti und Roma.
Diese Grundhaltung macht es unmöglich, die realen Menschen zu erkennen und sie führt zu massiven Diskriminierungen der Minderheit. Damit lässt sich auch der Antiziganismus als Teil des kulturellen Codes der deutschen – der westlichen - Gesellschaft deuten.
Antiziganismus beinhaltet oft Projektionen gedeutet, in denen das eigene Wollen und die eigenen Wünsche dem „Anderen“ unterstellt werden. Im Antizganismus findet sich auch der Ausdruck des eigenen „fremden“ Ichs, das im Rahmen der Mehrheitsgesellschaft nicht gelebt werden darf .Antiziganismus ist damit eine Abwehrhaltung gegenüber den eigenen individuellen Wünschen. Für die Projektion stehen alte Zigeunerbilder zur Verfügung, denen aber je nach gesellschaftlicher Gegebenheit, neue Bilder gefunden werden können."
(Quelle: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

Auf der Website des Zentralrat Deutscher Sinti und Roma findet sich eine sehr ausführliche Erläuterung zu diesen und anderen Vorurteilen. Auf jeden Fall ist ein Besuch auf diesen Seiten eine Pflichtlektüre für jeden der sich näher mit dem Thema auseinander setzen möchte.

bonjour_djangoUm die Musik der Sinti und Roma zu verstehen, und damit auch den später legendären Swingjazz eines Django Reinhardt der ebenfalls alle diese o.g. Einflüsse in sich vereint und damit auch die seiner Nachfahren der heutigen Sintimusiker (wie z.B. eines Bireli Lagrene, Stochelo Rosenberg oder Tschawolo Schmitt uvm.), sollte man sich als interessierter Musiker auf jeden Fall einmal mit all diesen Fakten aber zumindest auch den verschiedenen Musikstilen (zumindest theoretisch) befasst haben.

Die geschichtlichen Fakten allerdings hatten und haben auch heute noch sicherlich einen grossen Einfluss auf das allgemeine Verhalten und dadurch u.a. auch auf die Musik der Sinti und Roma gehabt. (Wikipedia: Gypsyjazz)

Wer sich nicht vorstellen kann wie es ist seine ganze Familie in einem KZ verloren zu haben, der wird sicherlich auch kein Verständnis für die Ablehnung finden die uns Deutschen häufig von Sintis entgegengebracht wird.

Der sensible Umgang mit diesen Themen und das Verständnis und auch die Toleranz aufzubringen sich mit diesen auseinanderzusetzen fehlt leider auch heute noch vielen Menschen, obwohl dies unser aller Verpflichtung spätestens durch die eigene Geschichte unseres Landes geworden ist.

Jeder der sich für Gypsyjazz interessiert sollte dieses zu allererst aufbringen bevor er sich mit der Musik näher befasst. Aber: nur gemeinsam kann man wieder einen Weg zu einem friedlichen Miteinander finden - und hier kann und sollte die MUSIK eine wertvolle Hilfestellung leisten.
 
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