Quo vadis Swing-Jazz?

    Speed, High-Speed und noch mehr Speed?

    Die aktuelle Entwicklung des Swing-Jazz, speziell des Jazz-Manouche gibt inzwischen Anlass zur Sorge. Leider scheint es so, als sei Geschwindigkeit (Speed) das allgemeine Zauberwort geworden. Und viele (insbesondere junge) Musiker scheinen zu meinen, dass wenn Sie noch schneller als andere spielen können (möglichst noch schneller als Django Reinhardt es je konnte), seien Sie damit auch besonders „gute“ Musiker oder Gitarristen.

    Quo vadis Swing-Jazz?

    Diese Entwicklung gibt es seit einiger Zeit, spätestens jedoch seit Bireli Lagrene, Jimmy (Bild links) oder Stochelo Rosenberg ihr schier unlaubliches Tempo zu ihrem Markenzeichen gemacht haben, versuchen viele diesem Vorbild nachzueifern.

    Nicht dass gegen das „Nacheifern“ etwas einzuwenden wäre. Immerhin lernt man ja sehr viel, wenn man seinen Idolen nacheifert. Und das Kopieren und Imitieren ist gradezu ein völlig normaler Vorgang in der Natur mit dem jedes Kind von klein auf lernt.
    Aber es ist leider gradezu ein Tempo-Wettkampf entbrannt, gerade unter vielen jungen (Sinti-)Musikern aber auch anderen Gitarristen, welcher diese Musik langsam zu Grabe tragen könnte.

    Das artet dann mittlerweile förmlich in eine Art „Speed-Marathon“ aus, wie man es aktuell z.B. wieder bei vielen Sessions in Samois-sur-Seine beim alljährlichen „Festival Django Reinhardt“ beobachten und hören konnte.

    Quo vadis Swing-Jazz?

    Jedes Lied wird mittlerweile einfach viel zu schnell gespielt, ungeachtet des originalen Tempos (bei dem sich der Komponist i.d.R. ja etwas gedacht hat), denn jedes Lied hat schliesslich sein „eigenes“ Tempo in welchem es am Besten funktioniert und seine Wirkung voll entfalten kann.

    Der ursprüngliche „Swing„, also das „schwingen, wippen, tänzeln“ der Musik gerät dabei völlig in den Hintergrund. War diese Musik seinerzeit doch Tanzmusik, so kann man bei den aktuellen Tempi in denen die Lieder von damals heute gespielt werden, sicher nicht mehr mit seiner Frau oder Freundin dazu tanzen. Zumindest würde das bei 300 BPM und mehr (was durchaus keine Seltenheit ist als Spieltempo heutzutage) eher komisch anmuten und eher in Gezappel ausarten, denn in tatsächlichen Tanz.

    Und so klingt das dann eben auch. Hört man sich Songs wie „Minor Swing“, „All of Me“ oder „Them there eyes“ bei aktuellen Sessions an die in diesen Geschwindigkeiten dargeboten werden, so artet das Ganze oft in ein einziges Geschrappel mit einer Million Töne aus. Der eigentliche Sinn des Swingjazz, nämlich das „grooven“ und „schwingen“ ist damit perdu.
    Man kann weder der Melodie noch vernünftig verfolgen oder diese geniessen, noch haben die darauf folgenden Soli keinerlei Wirkung mehr ob der unzählig vielen Töne die da förmlich in unendlichen Salven „abgeschossen“ werden.

    Selbstverständlich ist es manchmal bewundernswert und durchaus respektabel was manche (auch teilweise sehr junge Spieler) in ihren Soli da bereits an technischem Knowhow und Skills angehäuft haben und vorführen. Aber die Frage mag gestattet sein: ist das der Sinn von Musik?

    Miles Davis, der berühmte Trompeter soll mal gesagt haben:

    „… it´s not the NUMBER, but the KIND OF notes that you play which make you speak out as a musician…“.

    (Miles Davis)
    Quo vadis Swing-Jazz?

    Ich kann ihm nur beipflichten. Vielleicht ist dies alles auch nur Ausdruck unserer verrückten, hektischen unsicheren Zeit, dass man sich ebenjene (Zeit) nicht mehr nehmen mag. Und dafür dann ganz besonders viel und schnell „raus hauen“ will.

    Und gegen Geschwindigkeit ist ja zunächst einmal auch gar nichts zu sagen. Denn: hat man eine Sache richtig viel geübt, kann man sie irgendwann auch richtig schnell spielen. Das ist erstmal kein „Verdienst“ sondern reine Fleissarbeit, also eigentlich nichts besonderes.

    Quo vadis Swing-Jazz?

    Wenn Tempo in einem Solo also der Musik „dient“, sprich eine musikalische Aussage damit verbunden ist (so wie z.B. Django Reinhardt Speed verwendet hat der ja „auch“ manchmal schnell spielte wenn es der Song erforderte), dann ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden.

    Musik aber, sollte generell nicht „Wettkampf“ ausarten, kein egomanischer Vergleich eines „ich bin „besser“ als Du“ werden (was auch immer „besser“ im Zusammenhang mit Musik sowie so heissen soll).
    Musik sollte Kommunikation sein (und bleiben). Zwischen den Musikern (zu allererst) und den Zuhörern (mindestens als zweites). Erst dann kann Musik sein volles Potential entfalten. Hiervon bin ich zutiefst überzeugt.

    Dies alles gesagt, macht mir die aktuelle Entwicklung weder Spaß sondern eher Sorge. Dass sich Musik verändert ist völlig normal. Auch Swingjazz. Und daß sie dabei nicht mehr wie 1930 zu Zeiten von Django klingt auch.
    Wenn aber die gesamte Essenz der Musik bzw. eines Songs verloren geht, weil es nur noch darum geht eine und mehr Millionen Töne abzusetzen ist die eigentliche Schönheit von Musik bereits Vergangenheit geworden.

    Bertino Rodmann

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